Berührungsmedizin bei ME/CFS: Erste Hinweise auf Potenziale, aber weiterer Forschungsbedarf

Die Myalgische Enzephalomyelitis / das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS) ist eine schwerwiegende, komplexe und bislang unzureichend verstandene Erkrankung, die mit erheblicher körperlicher und kognitiver Erschöpfung, Belastungsintoleranz sowie einer Vielzahl weiterer Symptome einhergehen kann. Eine ME/CFS kann auch im Rahmen eines Post-COVID-Syndroms auftreten. Wir haben die aktuelle wissenschaftliche Literatur zu berührungsmedizinischen Interventionen bei ME/CFS ausgewertet.

Die bisherige Evidenz ist insgesamt noch begrenzt, zeigt jedoch interessante Entwicklungen. Insbesondere für Massagetherapien finden sich zunehmend Hinweise auf positive Wirkungen. Mehrere Studien – überwiegend von chinesischen Autorengruppen – berichten von Verbesserungen der physischen und mentalen Fatigue. In einzelnen Untersuchungen werden dabei große Effektstärken beschrieben. Auch wenn die methodische Qualität der Studien unterschiedlich ausfällt und weitere Forschung erforderlich ist, deutet sich hier ein relevantes Forschungsfeld an.

Darüber hinaus liegen erste Hinweise auf die Wirksamkeit von Lymphdrainagen vor. Die zugrunde liegenden Mechanismen sind bislang nicht abschließend geklärt, könnten jedoch mit einer Beeinflussung neurovegetativer, lymphatischer und entzündungsbezogener Prozesse zusammenhängen.

Bemerkenswert ist zudem, dass viele Menschen mit ME/CFS berührungsmedizinische Verfahren bereits nutzen. Dies weist auf einen Bedarf hin, die Erfahrungen von Betroffenen stärker in die wissenschaftliche Diskussion einzubeziehen und die vorhandenen Ansätze systematisch zu untersuchen.

Gleichzeitig ist eine differenzierte Betrachtung erforderlich. Menschen mit schwerem ME/CFS können auf sensorische Reize, einschließlich Berührungen, äußerst empfindlich reagieren. Berührungsmedizinische Interventionen sind daher nicht pauschal für alle Betroffenen geeignet und müssen individuell angepasst sowie sorgfältig hinsichtlich Verträglichkeit und Belastung bewertet werden.

Die Deutsche Gesellschaft für Berührungsmedizin e.V. (DGfBM) sieht in diesem Themenfeld ein spannendes Forschungsgebiet an der Schnittstelle von klinischer Versorgung, Patientenerfahrung und Grundlagenforschung. Die bisherigen Befunde rechtfertigen aus unserer Sicht weder überzogene Erwartungen noch vorschnelle Ablehnungen. Vielmehr sprechen sie dafür, berührungsmedizinische Ansätze wissenschaftlich weiter zu untersuchen und den Dialog mit Betroffenen, Behandelnden und Forschenden zu intensivieren.