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Vortrag beim Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie 2026
Beim Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Berlin hält Professor Bruno Müller-Oerlinghausen im Rahmen eines Symposiums einen Vortrag mit folgendem Titel: Reduziertes Leibvertrauen – ein neuer Risikomarker für Suizidgedanken bei depressiven Patienten in stationärer Behandlung? Der Vortrag basiert auf Ergebnissen aus folgender Publikation:
Eggart, M., Valdés‐Stauber, J., & Müller‐Oerlinghausen, B. (2025). Reduced trust in bodily sensations predicts suicidal ideation in hospitalized patients with major depression: an observational study. Suicide and Life‐Threatening Behavior, 55(4), e70041. https://doi.org/10.1111/sltb.70041
Abstract
Hintergrund: Depressive Patienten weisen ein erhöhtes Suizidrisiko auf, insbesondere in der kritischen Phase nach der Entlassung aus stationärer Behandlung. Bisher existieren kaum verlässliche psychologische oder biologische Marker, die eine frühzeitige Identifikation von Patienten ermöglichen, bei denen zum Entlassungszeitpunkt Suizidgedanken bestehen. Interozeptive Prozesse – d.h. die Wahrnehmung und Bewertung innerer Körpersignale – könnten einen neuen Ansatzpunkt für die gezielte Suizidprävention darstellen.
Methode: In einer prospektiven Beobachtungsstudie an 87 stationär behandelten Patienten mit unipolarer Depression wurden zur stationären Aufnahme (T0) und Entlassung (T1) das Beck-Depressions-Inventar II (BDI-II) und der Multidimensional Assessment of Interoceptive Awareness (MAIA-2) erhoben. Analysiert wurde, ob interozeptive Merkmale bei Aufnahme Suizidgedanken bei Entlassung vorhersagen.
Ergebnisse: Bei Entlassung berichteten 17 % der Patienten über Suizidgedanken. Niedriges Vertrauen in eigene Körperempfindungen („Leibvertrauen“-Skala des MAIA-2) zu Beginn der Behandlung war ein signifikanter, unabhängiger Prädiktor für Suizidgedanken bei Entlassung (OR = 0,19; p = 0,01). Ein Schwellenwert ≤ 2,33 auf dieser Skala ermöglichte eine frühe Identifikation gefährdeter Patienten (Sensitivität = 0,87; negativer prädiktiver Wert = 0,94).
Schlussfolgerung: Vermindertes Leibvertrauen stellt einen neuen, klinisch nutzbaren Risikomarker für Suizidgedanken dar, der sich bereits zu Beginn eines stationären Aufenthalts mit drei kurzen Fragen erfassen lässt. Die gezielte körperorientierte Beeinflussung interozeptiver Prozesse könnte zukünftig eine wichtige Rolle bei der Suizidprävention spielen, insbesondere da Antidepressiva keine antisuizidale Wirksamkeit besitzen.